Archäozoologie ... von Tieren und Menschen

Archäologie als Geschichtswissenschaft widmet sich der Erforschung der Geschichte des Menschen hinsichtlich vielfältiger Aspekte. Bild- und Schriftquellen sowie Ausgrabungen und Bodenfunde stellen dabei die wichtigsten Quellen dar. Vor allem aus den frühen Zeiten ohne schriftliche Überlieferung bilden archäologische Bodenfunde die einzige Quellengattung, neuerdings zusätzlich durch zahlreiche archäometrische Methoden mannigfach erschlossen und ergänzt.

Bei Ausgrabungen werden nicht nur die Reste menschlicher Aktivitäten geborgen, sondern es kommen auch die fragmentierten Knochen der mit ihnen lebenden, von ihnen gegessenen oder anderweitig genutzten Tiere in sehr großen Mengen zutage. Die Bestimmung und Auswertung dieser Tierknochenfunde zur Erforschung der Geschichte der Beziehungen zwischen Mensch und Tier ist das Tätigkeitsfeld der Archäozoologie.









Anhand der geborgenen Knochenfragmente kann der Spezialist Art, Geschlecht, Größe, Schlachtspuren und evtl. die Krankheiten der gehaltenen oder gejagten Tiere erkennen.

Aus all diesen Angaben können, im günstigen Falle unter Einbeziehung anderer historischer Quellengattungen, die Entwicklung der Haustierhaltung und die verschiedenen Nutzungsweisen der Tiere für die verschiedenen Abschnitte der Geschichte erschlossen werden. So sind in jägerischen Zeiten und Kulturen immer wieder bestimmte Wildtierarten von übergeordneter Bedeutung. Ein für Mensch und Tier gleichermaßen bedeutsamer Wandel setzt mit dem Neolithikum und der Domestikation der wichtigsten Haustierarten ein. Im Laufe der Geschichte beeinflussen züchterische Kenntnisse und Bemühungen sowie verschiedene Umweltbedingungen die Größe und das Aussehen der Haustierarten. Einige Aspekte der variantenreichen Beziehung zwischen Mensch und Tier sollen im Folgenden beispielhaft erwähnt werden.

... nützlich im Leben ...

Schon zu Lebzeiten haben Haustiere ein weites Spektrum an nützlichen Eigenschaften für den Menschen: Rinder ziehen Pflug und Wagen, Pferd und Reiter vereinen sich zu einer effektiven Kriegswaffe, Esel, Mulis, Kamele und Elefanten tragen Reiter und Lasten über weite Distanzen. Hunde bewachen Haus und Hof, helfen beim Hüten des Viehs und bei der Jagd, Katzen beseitigen schädliche Nagetiere. Schafe und Ziegen liefern Wolle und wie die Rinder geben sie Milch. Hühner, Enten und Gänse liefern Eier und Fleisch.



Einführende Literatur zur Archäozoologie


... ergiebig nach dem Tode ...




Nach dem Jagderfolg oder dem Schlachten dienen die Tiere den Menschen jedoch nicht nur als Fleisch- und damit als Nahrungslieferanten. Ihr Körper liefert auch die Rohstoffe für andere Produkte: das Gehirn dient als Gerbmittel, der Talg wird als Schmier- und Brennmittel verwendet, die Blase dient als Behälter, die Därme als Wursthüllen, die Sehnen ermöglichen die Bogenbespannung. Wolle, Haare, Fell und Häute lassen sich zu vielfältigen Stoffen, Geweben und Leder nicht nur zu Bekleidungszwecken verarbeiten, Federn dienen als Kissenfüllung und Schreibkiele. Hornscheiden, Geweih und Knochen dienen als Rohstoffe zur Herstellung der unterschiedlichsten Gebrauchsgegenstände. Dabei läßt sich die selektive Verwendung bestimmter Skelettelemente zur Gewinnung des Rohstoffes in standardisierten Abläufen erkennen.

Einstiegsliteratur zu Knochen und Geweih als Rohstoff


... verehrt und vergöttert ...

Neben der praktischen Nutzung erfuhren bestimmte Tierarten auch eine Verehrung als Gottheiten. Als Beispiel sei hier nur auf die Tierkulte im Alten Ägypten hingewiesen. So trug die Göttin Hathor Kuhhörner und -ohren, Bastet einen Katzenkopf und Anubis wurde schakalsköpfig dargestellt. Horus erschien in Falkenform und Sobek als Krokodil, der weise Gott Thot konnte als Ibis oder als Pavian dargestellt werden. In Memphis wurden die Apis-Stiere verehrt, mumifiziert und in riesigen Sarkophagen beigesetzt. Die weiteste Verbreitung und Ausgestaltung erfuhren Tierkulte und -mumifizierungen in der Spätzeit Ägyptens. Betroffen waren davon vor allem Ibisse, Falken, Katzen und Krokodile. In Mesopotamien wurde in Isin in der Nähe des Tempels der Göttin Gula ein Friedhof mit 33 Hundegräbern gefunden (1050-900 v. Chr).
Als rezentes Beispiel mögen die heiligen Rinder in Indien angeführt werden. Allerdings bezieht sich die Verehrung nur auf die Zebus und bei diesen nur auf die weiblichen Tiere. Im übrigen verfügt Indien über eine gut funktionierende Rindfleisch- und Milchindustrie.






Einstiegsliteratur zur Tierwelt im Alten Ägypten

Einstiegsliteratur zur Geschichte der Fauna in Mesopotamien


... vereint noch im Tode ...










Die große Verbundenheit, die zwischen Mensch und Tier im Lauf des gemeinsamen Lebens und Schaffens entstehen kann, oder die soziale Stellung, die mit dem Besitz bestimmter Tiere verbunden ist, schlägt sich in Bestattungen des Tieres alleine oder als Begleiter des Menschen ins Jenseits nieder. Als besonders frühe Beispiele gelten die Gräber von Männern und Hunden aus dem Natufian in Israel (12000-11000 v. Chr.). Ein vergleichbarer Befund von Mensch und Katze wurde in einem neolithischen Grab auf Zypern entdeckt (9.-8. Jtsd. v. Chr.). Aus Eridu liegt ein Obed-zeitliches Grab eines Jugendlichen von 15 bis 16 Jahren vor, dem ein Hund beigegeben worden war. Auch aus Tepe Gawra und Chafadji sind Hundegräber im Zusammenhang mit menschlichen Bestattungen bekannt. Als Zugtiere im Jenseits sollten die Rinder vor dem Wagen in den Königsgräbern von Ur dienen.

Kamelgräber im Jemen, in Oman und in den Vereinigten Arabischen Emiraten zeugen von der Bedeutung der Reittiere. Eine gleichwertige Stellung kann man für die Reitpferde in alamannischen Kriegergräbern (5.-7. Jh. n. Chr.) annehmen. Wohl eher aus sentimentalen Gefühlen wurden vereinzelte mittelalterliche Hundegräber angelegt, so z. B. in Halberstadt (13./14. Jh. n. Chr.) oder in Siegburg (um 1600).

Wie eng die emotionale Bindung zwischen Mensch und Tier werden kann, manifestiert sich heute noch in Kleintierfriedhöfen, wie z. B. in Clichy/Paris oder Dortmund-Kley.

Beispielhafte Literatur zu Tierbestattungen


... verachtet und verscharrt ...

Nicht immer weisen Funde von kompletten Tierskeletten auf eine Bestattung und die Verehrung der Tiere oder eine gottgleiche Stellung hin. Aus dem Mittelalter sind einzelne Befunde von Schindangern ergraben worden, auf denen die nicht mehr zum menschlichen Verzehr geeignet erachteten Haustiere verscharrt wurden. Auch einzelne, komplette Tierskelette in Kellerverfüllungen oder Stadtgräben weisen auf wenig gefühlvolle Entsorgungspraktiken hin.



Literatur zum Schindanger von Emmenbrücke/Luzern

Einführende Literatur zur Archäozoologie:

Benecke, N.: Der Mensch und seine Haustiere. Die Geschichte einer jahrtausendealten Beziehung. Stuttgart 1994.

Clutton-Brock, J.: A natural history of domesticated mammals. British Museum of Natural History 1987.

Davis, S. J. M.: The Archaeology of Animals. London 1987.

Dinzelbacher, P.: Mensch und Tier in der Geschichte Europas. Stuttgart 2000.

Herre, W./Röhrs, M.: Haustiere - zoologisch gesehen. Stuttgart, New York 1990.

Rackham, J.: Animal Bones. Interpreting the past. British Museum Press, 1994.

Reitz, E. J./Wing, E. S.: Zooarchaeology, Cambridge Manuals in Archaeology. Cambridge 1999.

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Einstiegsliteratur zu Knochen und Geweih als Rohstoff:

Archäologie in Deutschland, Heft 1, 1995, Schwerpunktthema Knochenartefakte.

Dijkman, W./Ervynck, A.: Antler, Bone, Horn, Ivoy and Teeth. The Use of Animal Skeletal Materials in Roman and Early Medieval Maastricht. Archaeologica Mosana I, Maastricht 1998.

Kokabi, M./Schlenker, B./Wahl, J.: Knochenarbeit. Artefakte aus tierischen Rohstoffen im Wandel der Zeit. Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, Stuttgart 1994.

McGregor, A.: Bone, Antler, Ivory & Horn. The Technology of Skeletal Materials since the Roman Period. London, Sydney, Totowa 1985.

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Einstiegsliteratur zur Tierwelt im Alten Ägypten:

Houlihan, P. F.: The animal world of the Pharaos. London 1996.

Osborn, D. J./Osbornová: The mammals of ancient Egypt. Warminster 1998.

Sarhage, D.: Fischfang und Fischkult im alten Ägypten. Mainz 1998.

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Einstiegsliteratur zur Geschichte der Fauna in Mesopotamien:

Archaeozoology of the Near East. Mehrere Tagungsbände des ICAZ (International Council of Archaeozoology)

Postgate, J. N./Powell, M. A.: Domestic Animals of Mesopotamia. Oxford 1990.

Collins, B. J.: A History of the Animal world in the Ancient Near East. Leiden, Boston, Köln 2002.

Van Buren, E. D.: The Fauna of Ancient Mesopotamia as represented in art. Analecta Orientalia 18, Rom 1939.

Vila, E. de: L'exploitation des animaux en Mésopotamie aux IVe et IIIe millénaires avant J.-C. Monographie du CRA 21. Paris 1998.

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Beispielhafte Literatur zu Tierbestattungen:

Amberger, G./Kokabi, M.: Pferdeskelette aus den Alamannischen Gräberfeldern Aldingen, Giengen an der Brenz und Kösingen. Fundberichte aus Baden-Württemberg 10. 1985, 257-280.

Behrens, H.: Die neolithisch-frühmetallzeitlichen Tierskelettfunde der Alten Welt. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle, 19, 1964.

Boessneck, J./von den Driesch, A.: Die zoologische Dokumentation von drei Pferdeskeletten und anderen Tierknochenfunden aus einem Kammergrab auf dem Norsun-Tepe (Ostanatolien), Istanbuler Mitteilungen 27/28, 1977/78, 73-91.

Göhde, H.: Vom Hirtenhund zum Göttersymbol. Die Bedeutung des Hundes im Alten Mesopotamien vom Beginn bis zum Untergang. Dissertation Münster 1998.

Maise, Chr.: Eine Pferdebestattung der Frühlatènezeit und hallstattzeitliche Siedlungsreste in Forchheim, Kreis Emmendingen. Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 1995, 110-112.

Müller, H.-H./Ambros, C.: Neue frühgeschichtliche Pferdeskelettfunde aus dem Gebiet der Slowakei. Studijne Zvesti Archeologickeho Ustavu Sav 30, 1994, 117-173.

Müller-Wille, M.: Pferdegrab und Pferdeopfer im frühen Mittelalter. Berichten van de Rijksdienst voor het Oudheidkundig Bodemonderzoek. 20-21, 1970-1971, 119-248.

Prilloff, R.-J./Prilloff, S.: Eine mittelalterliche Hundebestattung aus Halberstadt. Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 80, 1998, 165-176.

Ruppel, T.: Eine Hundebestattung der Zeit um 1600. Eine Siegburger Töpferwerkstatt der Familie Knütgen. Kunst und Altertum am Rhein. Führer des Rheinischen Landesmuseums Bonn und des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege, Nr. 133, Köln-Bonn, 1991, 93-101.

Schäfer, M.: Von Pferdegräbern und Reiterheroen. Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institutes Kairo 114, 1999, 49-60.

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Literatur zum Schindanger von Emmenbrücke/Luzern:

Stampfli, H.R.: Die Tierreste von Wasenplatz und Richtstätte. In: Manser, J.: Richtstätte und Wasenplatz in Emmenbrücke (16./19. Jahrhundert), Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters 19, 2, 1992, 157-285.

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